Report zum 3. Patientenseminar am 5.4.2003 bei Prof. Dr. med. Lothar-Andreas Hotze in Mainz-Kastel.
Zum Thema "Hashimoto-Thyreoiditis
und Herzprobleme - gibt es da einen Zusammenhang?" diskutierten etwa 20 Hashimoto-Erkrankte, sowie neben Prof.
Hotze der Kardiologe Dr. med. Peter Hain von den "Neue Wicker Kliniken" in Bad Nauheim und Frau Dr. med.
Marianne Krug, Privatärztin für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main.
Dr. Hain arbeitet seit vielen Jahren als Kardiologe, seit 5 Jahren in der ganzheitlich orientierten Medizin der
"Neuen Wicker Kliniken", die den Menschen als Gesamtsystem und nicht dessen einzelnen Organe isoliert
betrachtet.
Um was geht es?
In der Praxis beobachtet man häufig Schilddrüsenpatienten, die auch ohne nachweisliche SD-Überfunktion
schlecht ein- oder durchschlafen, die entweder nachts plötzlich hellwach sind ("ich könnte Arbeiten
gehen") oder nur eine Art Etappenschlaf haben. Bei kardiologischen Untersuchungen zeigt sich, daß diese
Menschen ein relativ kleines Herz haben: der Querdurchmesser (Innenraum des linken Ventrikels) ist nicht wie normal
etwa 51 sondern beispielsweise nur 36 mm.
Die Folgen: das Fassungsvermögen ist schnell überfordert, der Herzmuskel ist überstimuliert, deswegen
verdickt sich die Ventrikelwand stark (hyperkontraktile Ventrikelwand).
Es kommt zu einem Herzinnendrucksyndrom: das Blut trifft auf Ventrikel, der sehr stark verdickt ist. Eine starke
Wand läßt sich jedoch nicht gut dehnen (Compliance-Störung) und wenn nun Blut hineingedrückt
wird, gibt es einen starken Innendruck auf die Seitenwände, da der Druck nicht durch eine Herzerweiterung
abgefangen werden kann. Dieser Druck besonders in der Nacht stark, weil die Beine, welche ein großes Blut-Fassungsvermögen
haben, beim Liegen im Bett oben sind. Dieses Blut aus den Beinen drückt in der Waagerechten verstärkt
ans Herz, welches sich nicht adäquat ausdehnen kann.
Es kommt zu einem sogenannten hydraulischen Phänomen: in der inneren Schicht des linken Herzens kommt es durch
den starken Druck von Innen zu Durchblutungsstörungen. Sowohl die verdickten Herzwände als auch die Durchblutungsstörungen
kann der Kardiologe nachweisen.
Diese Durchblutungsstörung in der Nacht führt zum Alarm im Organismus: das vegetative Nervensystem ruft
den Notfallplan auf, der Sympathikus springt an, weil Gefahr im Verzug ist! Dies weckt den Patienten auf.
Das hydraulische Phänomen wird jetzt zum Teufelskreis: der aktivierte Sympathikus zieht, gemäß
seines Planes, die Gefäße stark zusammen und damit auch das Herz. Das Blut wird somit gehalten und kann
nicht abfließen, es kommt zu stärkerem Druck auf die Herzinnenwände, was wiederum den Sympathikus
zu noch größerer Aktivität veranlaßt. Dieses Hochschaukeln führt zu den typischen nächtlichen
Beschwerden wie Nachtschweiß, nächtliches Aufwachen mit Herzrythmusstörungen, Herzrasen, Luftnot
oder auch einfaches hellwach-Sein. Die Patienten haben den Drang, aufzustehen, umherzugehen und somit den Kreislauf
zu durchbrechen. Morgens sind die Patienten gerädert.
Die Folgen?
Ein kleines, hyperkontraktiles
Herz muß etwa das 2-3 fache eines normal großen arbeiten, dabei ist der Blutumsatz ungleich geringer.
Auch wenn die linke Herzkammer eigentlich das Problem hat, wird der rechte Herzflügel zuerst insuffizient:
das Blut kann aus der Lunge nicht mehr richtig abtransportiert und erneuert werden. Der Herz-Vorhof bläht
sich auf, da der Druck im linken Ventrikel so groß ist, daß das Blut aus der Lunge nicht mehr einfließen
kann, sondern zurückgedrängt wird. Es kommt zum Lungenstau mit Luftnotsymptomatik und Husten, Treppensteigen
wird unmöglich wegen der Atemnot.
Dasselbe passiert mit dem Hirnkreislauf, da die linke Kammer das Blut ja auch nicht ausreichend aufnehmen kann.
Müdigkeit, Bluthochdruck sind Folge des hyperkontraktilen Herzens; auch Depression, Angst und Panik können
durch den dauer-hohen Sympathikotonus verursacht werden.
Wasser lagert sich im Gewebe an, da der Kreislauf und der damit verbundene Abtransport gestört ist.
Die Herzspitze leidet unter dieser dauerhaft zu starken Kontraktion, es kann zu Herzspitzeninfarkten kommen, auch
Mitralklappenprolaps und -insuffizienz sind Folge einer Überbelastung.
Ein Tinnitus kann übrigens auch Folge des hohen Drucks, der Überaktivität des Sympathikus
und den damit verbundenen Spasmen in der Muskulatur verbunden sein.
Was ist ursächlich für das kleine, hyperkontraktile Herz?
Bei Patienten mit SD-Überfunktion oder einer abgelaufenen Überfunktion ist meist auch eine Überaktivierung
des Sympathikus zu bemerken, der das Herz klein zurrt. Desweiteren diskutiert man bei Patienten mit länger
andauernden Hypothyreose auch eine Vermehrung der Rezeptoren auf der Oberfläche des Herzens, die diese Hyperkontraktilität
verursacht. Auch eine Glucoseintoleranz kann Hyperkontraktilität hervorrufen.
Wichtig ist bei der Entstehung, daß der Prozeß sich in einer perpetuierende Aktion immer weiter hochschaukelt,
so daß eine kleine Ursache ein großes Ausmaß annehmen kann.
Was kann man tun?
Man ist versucht, bei Hypertonie Betablocker und stark gefäßerweiternde Medikamente zu verordnen.
Hier jedoch bewirken sie genau das Falsche: gefäßerweiternde Medikamente sind wiederum Ansporn des Sympathikus,
der die Gefäße wieder zusammenziehen will und seine Aktivität immer weiter verstärkt. Hier
schaukelt sich der Prozeß extrem nach oben, so daß die Medikamente das Phänomen gleichzeitig verschlimmern
und verbessern und man dann auch nicht mehr ohne auskommt.
Moderne ACE-Hemmer wie Kaptopril etc. treiben den Blutdruck in die Höhe und beinhalten damit das Risiko eines
Schlaganfalls.
Hilfe liegt in einer modifizierten Volumentherapie: durch Volumenüberbelastung (besonders in der Nacht) und
den dadurch vermehrten Druck kommt es zur Aktivierung des Sympathikus und den damit verbundenen Beschwerden. Mit
der "alten Methode" des Aderlasses kann man sozusagen den Überdruck aus dem System lassen, und mit
ganz leichten gefäßerweiternden Mitteln (Weißdorn), die den Sympathikus nicht reizen, kann man
die Hyperkontraktilität lösen. Zusätzlich können Entwässerungsmedikamente helfen. Man
geht also weg von den starken Medikamenten am Tag hin zu den schwachen in der Nacht.
Ein Aderlass hat meist direkte Wirkung: der Patient spürt sofort, daß der Druck nachläßt
und er sich leichter fühlt! Dabei sind die abgenommenen Mengen meist eher gering (60ml aufwärts).
Die Herzkraft steigt sofort wieder, das Herz scheidet wieder das Wasser aus, was es vorher aufgenommen hat. Der
Kreislauf von Herzinnendruck-Syndrom und sympathikotoner Reaktion wird durch den Aderlass durchbrochen.
Wo finde ich mehr Informationen?
Dr. Peter Hain praktiziert in den "Neue Wicker Kliniken" in 61231 Bad Nauheim, Ludwigstraße
41, Telefon 0 60 32 / 9 99-0, Telefax 0 60 32 / 9 99-5 50
http://www.neue-wicker-kliniken.de
Über Funktionsweise des vegetativen Nervensystems und die Arbeitsweise des Sympathikus: http://www.sympathikus.ch
Hier wird das Herzinnendrucksyndrom auch nochmals näher erläutert.
Desweiteren sei folgendes Buch empfohlen:
Dr. Peter Hain, Werner J. Wilhelm Wicker: "Neuentwicklungen in der nicht invasiven Kardiologie - die neue,
sanfte, ganzheitliche Kardiologie". 1. Auflage, Neue Wicker Kliniken Bad Nauheim, 2001. Druck- und Verlagsgesellschaft
Südwest mbH, Karlsruhe.
Aachen, 11.04.03
Kerstin Naruhn